David Rosenthal:

Internet - auch für meine Firma?

Ein praktischer Internet-Leitfaden
- nicht nur für kleine und mittlere Unternehmen

 


Kolumne PC Guide Sommer 1999

Internet ist die Zukunft. Und was jetzt?

Von David Rosenthal

Wir sind wieder einmal ganz vorne dabei: In der Schweiz nutzt heute schon jedes zweite kleine oder mittlere Unternehmen (KMU) das Internet, sagt eine Studie der Universit�t Bern. Bis Ende Jahr sollen es gar zwei Drittel sein. Der europ�ische Schnitt wird es bis dahin dagegen noch nicht einmal bei 50 Prozent liegen. Somit scheint die Schweiz f�r den "E-Commerce", das "E-Business" oder wie auch immer die jeweiligen Anbieter das Internet-Potential f�r die Wirtschaft nennen wollen, gut ger�stet zu sein.

Doch ist dem wirklich so? Wer besagte Studie etwas genauer anschaut, merkt rasch: Mit manchem liegt es noch im Argen. Zwar ist die Verbreitung des Internets in den KMUs -- dem gr�ssten Teil der Schweizer Wirtschaft -- hoch. Doch die Intensit�t der Nutzung ist in den meisten Branchen sehr tief, ebenso etwa der Wille, bestehende Firmenstrukturen zu �ndern, um das Internet wirklich in all seinen Anwendungsm�glichkeiten nutzen zu k�nnen.

Werden angehende Internet-Nutzer nach ihren Motiven f�r Internet gefragt, dominieren denn auch gr�sstenteils diffuse oder wenig reflektierte Beweggr�nde. Man wolle Internet machen, weil es das "kommende" Medium sei oder weil ohne Web das Gesch�ft in Zukunft "schwierig" werden werde, heisst es da. Mit anderen Worten: Die Schweizer KMUs haben seitens den Medien und Anbietern zwar offenbar die Botschaft erhalten, dass das Internet eine ganz tolle und wichtige Sache f�r sie sei. Doch was sie damit wirklich alles anfangen k�nnen, k�nnen sich die meisten nicht vorstellen.

An diesem Punkt hat die Internet-Branche, die darauf hofft, den riesigen KMU-Markt f�r sich zu erschliessen, bisher wohl versagt. Zwar sind Millionen f�r Studien, Seminare und ganze Werbekampagnen ausgegeben worden, um die Betriebe f�r das neue Medium zu interessieren. Doch was hat dieses Marketing dem Coiffeur, Fabrikbesitzer oder Zahnarzt gebracht -- ausser der Erkenntnis, dass er ohne Internet eigentlich schon "von gestern" ist? Nicht viel. Die Folge: Bald hat zwar der gr�sste Teil der Betriebe Internet, doch f�r sein Gesch�ft wirklich auszunutzen beginnt es der Klein- und Mittelunternehmer hierzulande oft erst dann, wenn es ihm Konkurrenten, Lieferanten oder Abnehmer aus seiner eigenen Branche konkret vormachen oder ihn dazu zwingen.

Was l�uft heute falsch? Die Internet-Branche verkauft oft nur die reine Technik, nicht Anwendungen. Manchmal sprechen Anbieter dabei chic von "L�sungen". Nicht selten wird auch mit den gerade aktuellen Schlagworten der Branche operiert, als w�ssten ihre KMU-Kunden, was etwa der Aufbau einer "Internet-Community" f�r ihr Gesch�ft bedeuten w�rde. Immer mehr fallen mir auch Produkte auf, die vor allem mit dem Argument angepriesen werden, dass sie diesen und jenen "Standard" erf�llen. Oder aber der Hersteller pr�sentiert sein "Framework" gleich selbst. 

Die Ideen, wozu zum Beispiel ein "Application Server" mit "Host-Interface" und "Transaktionsmonitor" in der Praxis konkret benutzt werden kann, muss der Unternehmer heute schon selbst haben, will er nicht gleich auch die Consulting-Abteilungen der Anbieter und Beratungsunternehmen finanzieren, die zwar von Produkten und Prozessen etwas verstehen m�gen, von der Branche und Alltagssorgen des Kunden aber oft nicht viel. Die meisten Unternehmer mit etabliertem Gesch�ft lassen es an diesem Punkt meiner Erfahrung nach lieber gleich bleiben und warten einmal ab, bis der Leidensdruck in Sachen Internet noch
etwas mehr steigt. 

Ein zweiter Fehler mancher Anbieter und Berater scheint mir zu sein, dass sie von ihren Kunden auf ihrem Weg in die Welt des Internets oft viel zu grosse Schritte abverlangen. Die meisten KMUs sind heute nicht bereit und willens, die schnellen Trends und Entwicklungen des Internets stets umzusetzen. Der Grund f�r die Abneigung ist meist derselbe: Sie sehen den Nutzen nicht. Manchmal wurden in der Berner Studie zu hohe Kosten als Argument genannt, manchmal mangelnder Bedarf, doch im Grunde ist immer dasselbe gemeint. Man mag diesen Firmen mangelnde Visionen vorwerfen, doch kalkulieren viele wohl sehr viel
vern�nftiger als mancher Grossbetrieb. Damit will ich den KMU zwar keinesfalls raten, das Internet nicht einzusetzen. Das w�re falsch, denn der Preis der Erfahrung wird steigen und viele Positionen im Markt werden heute und nicht morgen gesichert. Doch das Internet ist kein Wundermittel, sondern eine Unterst�tzung in ihrer Arbeit. 

Um den KMU-Markt zu gewinnen, werden die Anbieter und Berater deshalb etwas auf den Boden der Realit�t zur�ckkehren m�ssen. Sie d�rfen nicht mehr nur von abgehobenen Cyber-Markt-Ideen schw�rmen. Das ist zwar verlockend und im Wetteifer mit den Anbietern beinahe zur Pflicht geworden, um nicht altbacken und strategielos zu wirken. Doch einem KMU helfen solche Visionen in seiner t�glichen Arbeit wenig. Denn eines geht oft unter: F�r die allermeisten Unternehmen in der Schweiz ist die Nutzung von Internet ein Prozess der Evolution, nicht der Revolution, wie das gerne postuliert wird. Zwar gibt es Firmen, die, nach Vorbildern wie Amazon.com oder Ebay.com strebend, ihren Gesch�ftsbetrieb vollst�ndig auf das Internet ausrichten und alle M�glichkeiten des neuen Mediums ausnutzen. Solche Cyber-Unternehmen sind aber die Ausnahme. 

Die Regel sind Firmen, die Gesch�fte heute auf traditionelle Weise abwickeln und das auf absehbare Zeit auch weiterhin so tun werden und m�ssen. F�r sie wird das Internet zun�chst keineswegs Teil ihres Gesch�ftsmodells sein, sondern ein sehr praktisches, wenn auch nur ein weiteres Hilfsmittel wie das Telefon oder der Telefax, das sie immer st�rker kennenlernen, nutzen und sch�tzen werden. Und irgendwann geht es nicht mehr ohne. Auch f�r solche "pragmatische" Unternehmer bietet das Internet ein grosses Potential zum Einsparen von Kosten, f�r bessere Leistungen oder den Ausbau ihres Gesch�fts. Doch manchmal braucht es daf�r viele kleine Schritte und altbekannte Anwendungen.

Was ist Ihre Erfahrung? Investieren die KMU heute zuwenig freudig ins Internet? Oder ist die Anbieterseite zu euphorisch? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften an [email protected].

(dr) (Alle Rechte vorbehalten)


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